Wir schreiben das Jahr 2019. Von modernsten technischen Entwicklungen unserer Zeit abgesehen, fühlt es sich manchmal so an, als würden wir, geht es um feministische Ideen, weit in eine vormoderne Zeit zurückgeworfen. Frauenwahlrecht, Gleichberechtigungsgesetze, Elterngeld, die Anerkennung ‚diverser‘ Geschlechtsbeschreibungen bei der Geburt und Ehe für alle – das sind Schritte zu mehr Gleichberechtigung. Gerecht geht es zwischen den Menschen trotzdem noch nicht zu. Egal, ob es um angeblich typische Eigenschaften geht oder um Ehe-Privilegien, um die mies bezahlten Jobs in der Pflegebranche, um unbezahlte Arbeit oder um die mediale Darstellung von Frauen als verfügbare Objekte, die geschlechtergerechte Verteilung von Aufgaben in der Familie, der Lohnarbeit, des Gehalts und der gesellschaftlichen Anerkennung befinden sich noch immer in einer erheblichen Schieflage.

Auch Paare, die eine gleichberechtigte Beziehung führen wollen, schlagen mit dem ersten, spätestens dem zweiten Kind eine traditionelle Rollenverteilung ein. Ein gutes Jahr nach der Geburt des zweiten Kindes haben Mütter im Durchschnitt 22 Monate Elternzeit genommen und ihre Arbeit ruhen lassen, Väter hingegen ca. 6 Monate (Väterreport 2018). Die Karrierechancen der Frauen sind damit weitaus mehr beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass die Frauen in den meisten Fällen entscheiden, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um den Familienalltag, den Haushalt und die Kinderbetreuung zu regeln. Höheren Positionen im Job steht diese Entscheidung oft im Weg. Die ungleiche Rollenverteilung wirkt auch bei der Aufgabenverteilung innerhalb der Partnerschaft. Verabredungen mit Familienangehörigen und Freund*innen treffen, Essensversorgung für die Familie sicher stellen, Kleidergrößen der Kinder kennen und Klamotten anschaffen, Weihnachtsfeste und Kindergeburtstage organisieren, in Kontakt mit der Kita sein, Arzttermine und so weiter übernehmen in der Regel die Frauen. Sich gedanklich mit all diesen Dingen – neben dem Beruf wohlgemerkt – zu beschäftigen, erfordert einen immensen Aufwand, der zur Überlastung führen kann. Laut Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2017 umfasst die tägliche Mehrarbeit im privaten Haushalt 87 Minuten von Frauen gegenüber Männern. Dass es sich hierbei um Arbeit handelt und enorme kognitive Kapazitäten in Anspruch nimmt, wird, wenn überhaupt als solche anerkannt, als völlig selbstverständlich bei den Frauen verortet, manchmal sogar als »natürlich« im biologischen Sinne aufgefasst.

Ungleichheit und eine paternalistische Bevormundung per Gesetz gibt es auch immer noch bezüglich des weiblichen Körpers. Dies verdeutlicht § 218, der die Abtreibung regelt, und § 219a, welcher die Werbung für Abtreibung verbietet. Nach § 218 ist der Schwangerschaftsabbruch weiterhin verboten, wird durch das Einhalten einiger Maßnahmen (Beratungsgespräche, ärztliche Bescheinigung) aber legal. Dass Ärzt*innen keine Informationen zum Schwangerschaftsabbruch veröffentlichen dürfen, schlug 2017 mediale Wellen; die betroffene Ärztin wurde zu 6000 Euro Strafe verklagt. Keine Frau entscheidet sich leichtfertig zu einem Schwangerschaftsabbruch. Neben dem körperlichen Eingriff ist die emotionale Belastung – das Hadern, Zweifeln, Schuldgefühle – extrem hoch. Was der Diskurs grundsätzlich vernachlässigt: dass Männer zu 50 Prozent mitverantwortlich an einer Schwangerschaft sind. Trotzdem müssen sie nicht zu einer Beratung, weil sie unverantwortlich gehandelt haben.

Männer und Frauen an dieser Stelle gegeneinander auszuspielen oder Männern persönliche Schuld an allen gesellschaftlichen Verhältnissen zu geben, kann bei Überlegungen zur Gleichberechtigung nicht sinnvoll sein. Würden die Verhältnisse gerechter gestaltet, wären auch sie von männlichen Rollenerwartungen befreit und könnten sich vielfältiger ausleben (zum Beispiel ihren sensiblen Seiten nachgehen, Fürsorgeverantwortung übernehmen, auf Karriere verzichten). Das setzt aber voraus, dass akzeptiert wird, dass die Gesellschaft unter dem Einfluss des über Jahrhunderte währenden Patriarchats leidet, unser Verhalten bestimmt und geschlechtsspezifische Rollenerwartungen an die Menschen hegt. Dieser Schieflage und auch dem Trend eines konservativen, anti-feministischen Backlash (Strategie des Gender-Marketing, Parolen von »Genderwahn« rechter Strömungen) kann nur gemeinsam etwas entgegengesetzt werden. Die gemeinsame Vision einer geschlechtergerechten Gesellschaft fällt nicht vom Himmel. Dafür müssen sich Menschen engagieren, solidarisieren und ihre Interessen artikulieren. Ein feministischer Streik wäre eine Möglichkeit, aber …

Das Streikrecht

Das Streikrecht in Deutschland ist das restriktivste in ganz Europa. Es koppelt das Recht auf Streik an die Gewerkschaften, die zunehmend nur noch eine Vermittlungsposition zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden ausfüllen. So darf beispielsweise nur gestreikt werden, wenn es um eine Tarifverhandlung geht. Ein politischer Streik, also das Niederlegen von Arbeit, um politische Forderungen zu stellen, ist gesetzlich verboten.

Würde es dennoch zu einem politischen Streik kommen, wären die betroffenen Unternehmen dazu in der Lage, erhebliche Schadensersatzansprüche gegen die Streikenden geltend zu machen und den Streikenden zu kündigen. Dies schützt nicht nur die Unternehmen, sondern auch den Staat vor unerwünschten Veränderungen und unterdrückt so eine soziale Kultur des Aufbegehrens gegen Ungerechtigkeiten.

In anderen Ländern hingegen ist das Streikrecht ein individuelles Menschenrecht und legitimes Mittel, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Rückblick: 1994 – Situation in Deutschland

Die Streikbewegung in Deutschland war schon einmal sehr populär, doch die Resultate sind leiser, als es der politische Wille war. Das war 1994, als eine Million Frauen in Deutschland auf die Straßen gingen, um sichtbar zu werden. »Nicht arbeiten, nicht einkaufen, nicht höflich lächeln« – so lautete einer der Slogans der Bewegung. FrauenStreikTag hieß damals auch, dass Frauen da, wo sie sind, und in den Zusammenhängen, in denen sie sich bewegen, ihre eigene Form der Verweigerung, des Protestes und des Einforderns ihrer Rechte finden. Dies kann sowohl der Konsumboykott als auch die Verweigerung des Lächelns sein (eine gängige Erwartung an Frauen ist, dass sie stets lächeln und freundlich sind), das Aufgeben jeglicher Hausarbeit oder anderer Versorgungsaufgaben, die wir als Reproduktionsarbeit bezeichnen.

Was hat sich seitdem getan?

Heute braucht es daher wieder Mut und eine Sensibilisierung von Sprache, eine Diskussionskultur, die auf Empathie setzt, und Deutungsrahmen, die alle diskriminierten Menschen miteinbeziehen. Außerdem brauchen wir eine noch umfangreichere Solidarität untereinander, um ein Streikrecht zu etablieren, das die Zivilgesellschaft vor dem schieren Ausgeliefertsein schützt. Es braucht eine Kultur der Vielfalt.

  • Um daran zu arbeiten, trifft sich seit einigen Monaten in Halle regelmäßig die Aktionsgruppe Frauen*Streik. Mit kreativen, politischen Aktionen will die Gruppe zum Internationalen Frauentag am 8. März 2019 im Rahmen einer Demonstration auf bestehende Geschlechterungerechtigkeiten aufmerksam machen.
    Die regelmäßigen Treffen finden im Februar jeden Montag in der Weiberwirtschaft des Dornrosa e. V. statt. Am 4.2. und 18.2. um 17.00 Uhr, am 11.2. und 25.2. um 18.00 Uhr.
    Jay Parker und Anne Pinnow sind Mitglieder der Aktionsgruppe Frauen*Streik.
Allgemein

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